Olympiabilanz I, Norwegen vs Deutschland: wenn Kultur und Konzepte stimmen
Norwegen produziert die billigsten Olympiamedaillen, zahlt keine Medaillenprämien, vergibt Stipendien, die geringer sind als vergleichbare Einnahmen deutscher Sportler, und erringt mit einem Bruchteil deutscher staatlicher Mittel bei Winter- und Sommerspielen fast so viele Medaillen wie "Team D".
Exklusiv für Abonnenten. Olympische Bildung, so wichtig!
Es ist Zeit für eine erste Bilanz der Olympischen Winterspiele 2026, wie nach den Sommerspielen in Paris erneut mit exklusiven Zahlen und Zusammenhängen. Seit Tagen wabern die üblichen Falschaussagen und irrwitzigsten Dummheiten durch Medien und Social-Media-Kanäle, woran es wohl diesmal gelegen haben könnte, dass die Delegation des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) nicht so abgeschnitten hat, wie man sich das erhofft hatte. Zeit für Fakten. Sportpolitiker und Journalisten, die in diesen Tagen des ersten Bilanzziehens viele Unwahrheiten und falsche Zusammenhänge verbreiten, müssen jetzt sehr tapfer sein. Auch vieles, was jetzt gerade zur Finanzierung des norwegischen Sports veröffentlicht wird, ist grundweg falsch – die Zahlen zur deutschen Spitzensportförderung sind es ohnehin.
Noch laufen die Wettbewerbe in Mi-Co. Gerade gab es eine Goldmedaille durch Daniela Maier im Skicross. Da noch zwei Entscheidungen im Eiskanal anstehen, kann das sogenannte Team D zwei weitere Goldmedaillen erwarten und wird im Medaillenspiegel nicht aus den Top Ten und vielleicht auch nicht aus den Top Five fliegen. Es könnte sein, dass es am Ende doch so viele Medaillen wie 2022 in China werden (27), was unweigerlich dazu führen würde, dass der DOSB und seine Fans in der Politik die Ergebnisse einmal mehr schön reden.
Indes:
- Seit Salt Lake City 2002, als Deutschland mit 36 Medaillen die beste Bilanz aller Zeiten hatte, hat sich die Medaillen-Quote mehr als halbiert.
Diese 36 Medaillen wurden 2002 bei 78 olympischen Entscheidungen gewonnen.
In Mailand und Cortina steht man derzeit bei 22 Medaillen. Insgesamt werden 116 Wettbewerbe ausgetragen.
- Nach Lage der Dinge – momentan 16 von 22 Medaillen – wird der Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD), einer von acht olympischen Fachverbänden im Wintersport, 2026 für rund drei Viertel aller deutschen Medaillen verantwortlich sein.
- In Norwegen sind die Erfolge und Medaillen gesünder auf Sportarten und Disziplinengruppen verteilt. Und ja, die kümmern sich nicht so sehr um Bobrodelskeleton, diesen gewaltigen Kostenfaktor.
Sie wissen: Kein anderes Land der Welt leistet sich vier Bahnen, kein anderes Land der Welt investiert so viele Millionen in den entsprechenden Verband und begleitende Institutionen aus Steuermitteln, in keinem anderen Bereich der Winterspiele ist die internationale Konkurrenz (von globaler Konkurrenz ist kaum zu sprechen) so gering wie bei Bob, Rodeln und Skeleton. Der BSD behauptet 6.302 Mitglieder in 79 Vereinen. Eine Massenbasis gibt es nicht, leistungssportlich sind wenige Dutzend Menschen aktiv.
In Peking verantwortete der BSD 2022 noch (oder schon, je nach Betrachtungsweise) 60 Prozent der deutschen Medaillen und Fachleute sprachen von einem alarmierenden Klumpenrisiko. Seither passierte?
Nichts. Natürlich.
Mit Ausnahme der Winterspiele 2014 in Sotschi, die ich aus bestens dokumentierten Gründen stets als irregulär bezeichne und die deshalb in der Bewertung nahezu ausgenommen werden sollten, kam Deutschland seit 1992, dem ersten Auftritt nach der Vereinigung, stets unter die Top 3 der Medaillenwertung. Mit zwei Ausnahmen (Sotschi, Lillehammer) lag man immer auf Rang 2 oder 1. Zu diesem Zeitpunkt (Freitag, 14 Uhr) ist es Rang vier hinter Norwegen, den USA und Italien. Chancen auf Rang drei bestehen kaum noch. Aber dazu mehr nach Abschluss aller Wettbewerbe.
- In der Gesamtwertung aller Olympischen Winterspiele seit der Deutschen Einheit (1992-2026) haben deutsche Wintersportler in Mailand und Cortina die führende Position an Norwegen verloren.
Norwegen marschiert unaufhaltsam davon, hat Deutschland sowohl in der Anzahl der Goldmedaillen als auch der Gesamtzahl der Winter-Medaillen seit 1992 überflügelt.
Ich konzentriere mich schwerpunktmäßig auf den Vergleich zwischen der führenden Wintersportnation Norwegen und der einst bei Winterspielen führenden Nation Deutschland. Grundlegendes lässt sich allerdings bereits bilanzieren und analysieren.
Und das dürfte einen Teil der Bevölkerung verunsichern, weil es viele Lügen entlarvt.
Machen Sie sich doch mal den Spaß und vergleichen die Fakten mit den Äußerungen von Sportpolitikern in diesen Tagen und mit dem, was die meisten Medien so dichten – etwa zu den Zahlen der Sportförderung. Da dominiert die Falschberichterstattung. All dieser Nonsens poppt wieder auf, überall, natürlich auch in diversen Social-Media-Kanälen: zu wenig Sportförderung, mangelnde Wertschätzung, keine Urkunden bei Bundesjugendspielen, keine Leistungsgesellschaft mehr, zu viel Bürokratie, man muss die Fachleute nur machen lassen, … alles schon gesehen. Alles falsch und faktenbefreit.
Und natürlich: Die Olympiabewerbung heilt alle Wunden und löst alle Probleme.
Der schlimmste Nonsens überhaupt.
- Lustigerweise hat Norwegen mitten im Aufstieg zur Wintersportnation Nummer eins weltweit eine Olympiabewerbung eingestellt, weil die Menschen darauf keine Lust hatten. Also wurde das Projekt der Winterspiele in Oslo beerdigt. Norwegen taugt demnach auch nicht für das Märchen, wonach die Ausrichtung Olympischer Spiele alle Wunden heile – genau dieses Märchen erzählt die deutsche Sportpolitik.
Im ersten Teil dieser Olympiabilanz konzentriere ich mich auf einige grundlegende Erkenntnisse und teilweise seit Jahrzehnten zu beobachtende Muster. Jeder Sachverhalt ist mit Dokumenten und Rechercheergebnissen unterlegt.